Für
alle die nicht den Frei(e) Bürger kaufen können hier die Kolumne.
Der Frei(e) Bürger ist eine von ehemaligen Obdachlosen sebstgemachte
Straßenzeitung. Die Redaktion besteht aus drei Leuten und zwei
Zwei-Euro-Jobs. Die Verkäufer kaufen die Zeitungen direkt in der
Redaktion, die aus einer handvoll für 0,80 Euro pro Heft ein und
verkaufen dieses dann für 1,50 Euro. Diese 80 Cent pro verkaufte
Zeitung sind die finanzielle Grundlage für das gesamte Projekt.
Kostendeckend ist die Zeitung bei rund 3500 verkauften Exemplaren.
Die aktuelle Kolumne findet man, in der Straßenzeitung Frei(e)
Bürger in Freiburg (hier).
Ein
fröhliches Aloha liebe Leser,
der
Sommer ist da und in diesem Jahr lassen wir den Frühling einfach mal
großzügig aus. Was man bei dieser Witterung nicht alles anstellen
könnte. Phänomenal! Beispielsweise könnte man all seine Tierchen
in den Stühlinger Park einladen und mit Alice, der Kuh einen Tee
trinken, mit Mr. Turtle einsam bzw. zweisam demonstrieren gehen, mit
dem Strick Gorilla über den Sinn und Unsinn der Strickguerilla
debattieren, mit Octobi, dem Oktopus mal ein ernsthaftes Wörtchen
über seine Anhänglichkeit wechseln oder aber mit dem Waschbären
Rockin’ Raccoon über seine Kleptomanie-Therapie reden.
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| Aktivitäten im Mai |
Dies
alles könnte man machen, wenn nicht die Idee der Gewichtsreduzierung
hinterrücks aufgekommen wäre. Diese Idee kroch nach dem langen,
ostdeutschen Winter und dem Ablegen der dicken Pullover wie Gollum
aus seinem Loch und überfiel mich. Auch mein Mädchen ist eine
gewichtige Veränderung an mir aufgefallen, als ich voller Stolz
meinen nackten Bauch als Chips-Schalen Halter präsentierte. Sie
können sich sicher denken, dass das böse Wort "Sport" von
nun an wie ein Elefant im Raum stand und den Ausgang nicht mehr fand.
Als Unbeteiligter bei dem Thema "Sport", hört sich allein
das Wort "Sport" an wie ein Schimpfwort, da es
ausgesprochen einen Aufforderungscharakter hat.
Ein
Grund für meine Abneigung in punkto Sport ist, mit ziemlicher
Wahrscheinlichkeit, die "Sport-Goofy"-Lehrfilm Reihe aus
dem Fernsehprogramm meiner Kindheit. In dieser Reihe versucht Goofy
dem Zuschauer so ziemlich alle Sportarten näherzubringen, indem er
sie ausprobiert. Vom American Football über Schwimmen bis zum
Zehnkampf scheiterte Goofy großflächig und schmerzhaft. Ein
weiterer Grund ist die Wesensveränderung bei denen, die sportlich
aktiv werden. Ein prägnantes Beispiel ist mein Zwillingsbrüderchen.
Seit er mit dem Rauchen aufgehört hat, betreibt er Sport. Und nicht
irgendeinen coolen Sport wie z.B. Boule, nein, er trainiert für
einen Triathlon. Das ist übrigens das Arschloch unter den
Sportarten, da man alle unangenehmen Sachen im Paket machen muss.
Laufen, Radfahren und Baden. Auch reden Sportler ständig über
Sport. Laufschuhe, Radschaltungen, Pulsfrequenz und Streckenzeiten.
Bäh! Leider ist meine Aufmerksamkeitsschwelle durch grenzenlose
Langeweile an diesem Thema so dermaßen im Keller, dass ich nach noch
nicht mal zehn Minuten ernsthaft über Selbstmord nachdenke.
Nicht
dass Sie denken, dass ich noch nie Sport gemacht hätte, nein, auch
ich hörte mal mit dem Rauchen auf und versuchte der Verfettung mit
Sport entgegenzuwirken. In meinem Fall war es das Radfahren im
Schwarzwald, als ich noch in Freiburg lebte. Und genau so fangen
qualvolle Geschichten an, welche ich Ihnen nicht vorenthalten möchte.
Hier meine Erinnerungsaufzeichnungen:
Am
schönen Mittwoch habe ich mich mit einem Freund verabredet um ein
bisschen Rad zufahren. Das bisschen wurde zu einer Tortour. Alles
fing nicht wirklich harmlos an. Erstmal auf den Rosskopf, von da auf
einem winzigen Pfad, der von Geröll und Wurzel verziert war, weiter
Richtung St. Peter. Selbst zu Fuß hätte ich diesen gemieden. Dornen
und vermaledeite Brennnesseln inklusive. Hier warf sich für mich aus
purer Angst zum ersten Mal die Frage auf, ob Gewichtsprobleme einen
wirklich so weit treiben müssen, oder ob ich nicht einfach Geld
sparen und mir eine Fettabsaugung spendieren soll. Aber weiter mit
der Selbstkasteiung. Ich versuchte tapfer Schritt zu halten und mir
nicht die unmännliche Blöße des vorsichtigen, umschauenden Jägers,
der hinter jedem Busch einen Säbelzahntiger erwartet, zu geben. So
warf ich mich mutig in den Schluchtpfad. Sträucher, Hecken, Wurzeln
und Dornen heldenhaft ignorierend. "Gefahr, ich lach dir ins
Gesicht!"
Hin
und wieder dankte ich mir selbst für die weise Entscheidung mir kurz
vor Erklimmen dieses Berges, einen unglaublich hässlichen
Fahrradhelm besorgt zu haben. Mit der Zeit kam dann auch etwas
Testosteron in mein Blut. Was wirklich auch notwendig war, denn
nichts macht den Mann männlicher.
Plötzlich
ist man angstfrei und risikobereiter. Nur das Hier und Jetzt zählt,
alle vernünftigen Gedanken werden unterdrückt. Endlich in St. Peter
angekommen zwang ich meinen Begleiter, der im Gegensatz zu mir noch
völlig fit war, unter dem Vorwand die außerordentlich schöne
Landschaft bei einer kurzen Rast zu genießen. Das gab mir die
Gelegenheit all meine Knochen neu zu sortieren. Leider keimte in
einem Endorphin-Rausch der Gedanke auf jetzt noch "kurz"
auf den Kandel zu fahren. Völlig bescheuert! Vor allem war mir nicht
klar, dass der sooo weit entfernt war. Heimtückischer Schwarzwald!
Kaum denkt man, dass man oben ist, tut sich eine neue Steigung auf.
Ich bin schier gestorben. Einmal musste ich pinkeln und merkte voller
Panik, dass mein Geschlecht taub war. Ich musste den Vorgang des
Wasserlassens genau beobachten, um kontrolliert eben dieses beenden
zu können.
Als
wir es dann endlich geschafft hatten, wollte meine Begleitung sofort
den Berg wieder hinunterstürzen. Für mich, der überglücklich war
dies überstanden zu haben, klang das wie Kolonialismus. Weiter,
weiter, auf zu neuen Eroberungen. Ich fühlte mich aber eher besiegt
und unterworfen.
Die
Abfahrt ins Elztal war auch alles andere als lustig. Wenn man sich
während des Runterfahrens schon vorstellt, auf welchem Gerät man da
gerade versucht 60 km/h zu halten, hat das nicht viel mit Spaß zu
tun. Sich einfach darauf zu verlassen, dass die dünnen Drähtchen
des Bremszuges schon halten werden, ähnelt einem
Himmelfahrtskommando. Auch den Pseudoschutz durch das Schaumstoffteil
auf dem Kopf als Sicherheit zu sehen, ist unverantwortlich.
Nach
diesen Gefühlsduseleien hatten wir noch die Strecke zurück nach
Freiburg zu bewältigen. Ich konnte schon nicht mehr sitzen. Mir tat
alles weh. Die Bilanz war der schmerzende Rücken, der Arsch war
wund, von den Geschlechtsteilen, den Beinen und Gelenken ganz zu
schweigen.
So
entschied ich mich fortan zu einem Leben ohne Sport. Und ich dachte,
diese Entscheidung sei endgültig. Nun keimt ja wieder ein Zweifel
auf, ob dieser Vorsatz denn auch richtig war. Und wie immer, wenn
wichtige Entscheidungen anstehen, konsolidiere ich Google-Fight. Das
Prinzip ist denkbar simpel. Man gibt in dieser Webseite zwei Begriffe
ein und der Begriff mit den meisten Treffern der Suchmaschine hat
gewonnen. Schon während des Studiums habe ich nur gute Erfahrungen
mit dieser Entscheidungshilfe gemacht. So habe ich Luhmann (193 000
Treffer) gegen Rock'n'Roll (3 680 000 Treffer) antreten lassen, wenn
ich mich vor dem Lernen drücken musste. Oder ob nun das Buch über
Machtsoziologie (257) zu lesen sei, oder ob Ramones (176 000) hören
besser wäre. Klare Sache würde ich sagen. Nun muss ich also
Abnehmen gegen das Genießen antreten lassen. Und los geht es...
Trommelwirbel... Puh, das war knapp. 3 340 000 Treffer für Abnehmen
und 4 000 000 Treffer für Genießen. Grade nochmal davon gekommen.
In diesem Sinne genießt den Mai und auf in die Sonne, in die
Freiheit!